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Alice Schwarzer und ihr Buch über etwas, was sie für Transsexualität hält

Alice Schwarzer hat zusammen ein Buch mit Chantal Louis veröffentlicht. Es nennt sich "Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? - Eine Streitschrift".

Eine Rezension von Kim Schicklang:

"Es muss im Spätherbst 1975 gewesen sein. Damals begegnete ich zum ersten Mal einem transsexuellen Menschen. Er fühlte sich als Frau, steckte jedoch in einem Männerkörper. Sein Leidensdruck war groß. Er war entschlossen, es durchzuziehen. Zwei, drei Jahre später ließ er die damals in Deutschland noch hochumstrittene operative Geschlechtsumwandlung vornehmen, in Casablanca."

Gute Erzählungen sind eingerahmt, der Anfang der Geschichte legt fest, was der folgende Inhalt sein wird. Das Buch „Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“ von Alice Schwarzers und Chantal Louis beginnt mit "Geschlechtsumwandlungen", der Idee, dass körperliche Veränderungen das Geschlecht eines Menschen ändern. Geschlecht ist, so lesen wir, die An- und Abwesenheit bestimmter körperlicher Merkmale. Wer bestimmte Körpermerkmale mitbringt muss dieser Vorstellung nach ein Mann oder eine Frau sein. Man könnte diesen Gedanken so zusammenfassen: Sind Brüste und Vagina zu sehen, dann ist es eine Frau. Hat ein Mensch keine Brüste und einen Penis, dann ist es ein Mann.

Diese Sichtweise von Alice Schwarzer geht von zwei Grundannahmen aus. Erstens, dass Körpermerkmale immer eindeutig sind. Das ist in der Realität nicht der Fall: Der Umfang der Oberweite von Menschen zeigt von Mensch zu Mensch ziemliche Unterschiede, genauso wie die Form der Genitalien, die Körperbehaarung, die Muskelmasse, die Behaarung. Das liegt daran, dass menschliche Körper sich bei den meisten Menschen nicht stereotyp so entwickeln, dass diese später dem Ebenbild von Ken oder Barbie entsprechen.

Die zweite Grundannahme hat etwas mit diesem Stereotyp zu tun: Menschen auf Grund ihres Körpers dem Gender "Frau" oder "Mann" zuzuordnen. Wer diese Einteilungen vornimmt, ordnet Menschen ausgehend ihres Körperzustandes Bezeichnungen zu und verknüpft diese Bezeichnungen mit Rollenerwartungen. Menschen auf Grund ihres Körpers als "Mann" oder "Frau" zu bezeichnen und dementsprechend zu behandeln ist "Gendern".

"Eine Feministin wie ich plädierte also damals wie heute für die Befreiung der Menschen von den Geschlechterrollen und für die Entfaltung des Individuums je nach Begabung, Interessen und Möglichkeiten, jenseits der Zuweisung der Geschlechterrollen."

Wer dafür plädiert, dass Menschen sich von "Geschlecherrollen" befreien, es aber als notwendig ansieht, Menschen auf Grund ihrer Körpermerkmale Geschlechtern wie "Frau" oder "Mann" zuzuordnen, anstatt sie als Mensch zu sehen, begeht eine Zuordnung, die bereits auf "Geschlechterrollen" basiert. Aber könnte Schwarzer nicht das "biologische Geschlecht" meinen? Nein, denn wer sich auf das "biologische Geschlecht" bezieht, wird von "männlich" und "weiblich" sprechen und nicht von "Mann" oder "Frau". Ein Körpermerkmal kann sich bei einem Menschen eher männlich oder weiblich ausgebildet haben, während ein anderes Merkmal sich ganz anders entwickelt hat. Wer von Biologie spricht, wird konkret und beschäftigt sich mit den einzelnen Merkmalen - wer gendert, ordnet einen Menschen auf Grund der Summe der Merkmale, die er dazu für ausreichend hält, einem Gender zu. Dass das, was für diese Zuordnung als ausreichend angesehen wird, mehr mit der gesellschaftlichen Sicht auf die Dinge zu tun hat, als mit Biologie, zeigt sich daran, dass sich die Beurteilung, wer eine "Frau" und wer ein "Mann" ist, in der Historie immer wieder geändert hat. In den 60er-Jahren galten viele Frauen noch als "Männer", die Hosen anzogen, kurze Haare trugen und andere Frauen liebten.

Noch ein weiterer Absatz legt den Rahmen des Buches von Schwarzer und Louis fest:

"Unsere Sexualität ist ursprünglich nicht objektfixiert und bleibt lebenslang variabel."

Es ist nicht davon auszugehen, dass Schwarzer und Louis damit sagen wollen, dass man Homosexualität heilen kann, sondern Menschen Subjekte sind, also Lebewesen die selbst wissen, was für sie gut ist und wer sie sind.

"Nun aber traf ich auf Menschen – es blieb nicht bei dem/der einen –, die nicht das soziale Geschlecht infrage stellten, sondern ihr biologisches. Sie identifizierten sich mit der von ihnen 'gefühlten' Geschlechterrolle und sehnten sich nach dem dazu passenden Körper."

Auch dieser Absatz steht in der Einleitung des Buches. Schwarzer gibt damit die Denkrichtung vor: Menschen, die transsexuell seien, wünschten sich den Körper zu ihrer Rolle. Sie nimmt damit eine Sicht ein, die auch Psychiater und Psychologen seit Jahrzehnten über Transsexualität formulieren - dass der Wunsch nach einer körperlichen Veränderung mit der geschlechtlichen Rolle verbunden ist, ja sogar eine Folge davon sei, diese Rollen wahrnehmen zu wollen. Man kennt das ja aus den zahlreichen Filmen, in denen transsexuelle Menschen genau so dargestellt werden: Männer in rosa Röckchen, die Stöckelschuhe tragen, nachdem sie sich vor dem Spiegel ihren Lippenstift gerade gezogen haben. Frauen in Hosen und Turnschuhen kamen in diesen Filmen als Beispiel für Transsexualität kaum vor.

Die gesellschaftliche Sicht auf Transsexualität ist immer noch mit der medizinisch-psychiatrischen Sicht verknüpft. Es mag sich in den letzten Jahren ein gewisser Trend verstetigt haben, dass man Menschen, denen man zuschreibt, sie würden erst eine gefühlte Geschlechtsrolle einnehmen wollen und deswegen dann auch ihre Körper verändern, bis auf Ausnahmen - mit einer haben wir es bei dem Buch von Schwarzer und Louis zu tun - nicht mehr mit ganz so grosser Ablehnung gegenübertritt. Eine Sache blieb aber bislang völlig aussen vor: Die medizinisch-psychiatrische These, dass der Grund für den Wunsch nach Körperveränderung eine Folge der Genderidentifizierung sei, in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Dadurch, dass Transsexualität als Wort immer unüblicher geworden ist und gewisse Lobbyverbände nun nur noch von "Trans*" sprechen, wurde es Menschen, welche die Sichtweise kritisieren, dass der Wunsch nach Körperveränderung als Folge eines "Gender-Bedürfnisses" sein müsse, noch schwerer gemacht, ihre Kritik deutlich anbringen zu können, da der Stern in "Trans*" als Synonym für "Geschlechtsidentitäten" steht.

Wenn Schwarzer also vom "passenden Körper" zur "Geschlechterrolle" schreibt, basiert diese Sicht auf einer medizinisch-psychiatrischen Idee, die immer noch aktuell ist. Der Wunsch nach Körperveränderung sei eine Folge, eine gesellschaftliche Rolle einnehmen zu wollen. Es handelt sich bei dieser Idee um eine These, die auf einem Stereotyp basiert. Die These impliziert, dass transsexuelle Menschen eine gewisse Geschlechtsidentität einnehmen wollen, ähnlich wie in den zahlreichen Spielfilmen, in denen es ja genau so dargestellt wird. Dass Menschen, die transsexuell sind, einfach nur den Wunsch haben können, dass ihr Körper ihrem Geschlecht entspricht - und dieses Geschlecht nicht auf Gender referenziert - kommt bisher in der öffentlichen Betrachtung des Themas nicht vor. In der Öffentlichkeit kommen deswegen auch meistens die Personen vor, die als Beweis für die Gender-Identitäts-These (als Ursache für Transsexualität) herhalten, während die Menschen mit Transsexualität, welche die These widerlegen könnten, weitgehend unsichtbar bleiben. Transsexuelle Menschen, welche kein grosses Bedürfnis haben, die Körperveränderung auch mit dem dazu passenden Gender-Ausdruck zu unterstreichen, gibt es in der öffentlichen Debatte nicht. Würde man sie wahrnehmen, würde die These, dass die Körperveränderungen eine Folge eines Gender-Identitäts-Wunsches seien, als falsch offenbart. Es wäre interessant, herauszufinden, warum Menschen weiterhin an dieser Idee festhalten und eine Debatte über diese Frage wäre aufschlussreich.

Interessant ist, dass Schwarzer den Unterschied in der Einleitung ihres Buches erwähnt:

"Sex steht dabei für das biologische, Gender für das soziale Geschlecht. Feministinnen haben diese Unterscheidung zu allen Zeiten gemacht und darauf hingewiesen, dass das biologische Geschlecht nur ein Anlass sei für die Zuweisung der sozialen Geschlechterrolle."

Gleichzeitig zitiert sie eine Aussage, die sie ihrer eigenen Aussage nach in den 80er-Jahren bereits getroffen hatte:

"In einer vom Terror der Geschlechterrollen befreiten Gesellschaft wäre Transsexualismus schlicht nicht denkbar."

Für Schwarzer kann es folgerichtig keine Menschen mit Transsexualität geben, die unabhängig von Genderidentitätswünschen das Befürfnis auf Anpassung ihres Körpers an ihr Geschlecht haben. Wer die stereotypen Erzählungen über transsexuelle Menschen für bare Münze nimmt - die teilweise auch von LGBT-Aktivisten verbreitet wird - kann die Ansicht vertreten, dass Transsexualität ohne Geschlechterrollen nicht denkbar wäre. Damit werden all die Menschen unsichtbar gemacht, die sehrwohl den Wunsch nach Körperveränderung haben, diesen aber nicht als Resulat eines Wunsches ansehen, diese oder jene geschlechtliche Rolle wahrnehmen zu müssen. Dass Transsexualität eine biologische Ursache haben kann, kommt dieser Weltanschauung nach, nicht vor. Würde Schwarzer anerkennen, dass Geschlecht sich bei den allerwenigsten so ausgebildet hat, dass diese der Vorstellung typischer "Männer" oder typischer "Frauen" entspricht, könnte sie eventuell darauf kommen, dass auch Menschen geboren werden können, deren Körpermerkmale nicht dem angeborenen Geschlecht entsprechen. Dazu müsste aber zuerst die Frage erlaubt sein, was denn das "angeborene Geschlecht" ist.

Es ist eine Tatsache, dass jeder Mensch als Embryo zunächst zweigeschlechtliche Merkmale aufweist. In den ersten Schwangerschaftswochen hat die geschlechtliche Differenzierung des Menschen noch nicht begonnen. Erst nach ein paar Wochen entwickeln sich die Organe des noch nicht geborenen Menschen mehr oder weniger in die eine oder in die andere Richtung. Dabei entwickeln sich nicht alle Organe gleich und manchmal kommt es - je nach geschlechtlichem Merkmal - sogar zu sichtbaren Zwischenzuständen oder Verdrehungen. Diese Unterschiedlichkeit in der Entwicklung des Menschen macht uns zu Individuen und eigenständigen Menschen. Dass Transsexualität eine Folge dieser individuellen Ausprägung der körperlichen Entwicklung ist, zu der sich Menschen, die transsexuell sind, später mit dem Satz "ich bin im falschen Körper geboren" äussern können, ist für Vertreter der Gender-Identitäts-These, die immer noch als Folger der medizinisch-psychiatrischen Sicht auf das Thema, undenkbar. Die einzige Erklärung, die sie haben ist, dass Transsexualität eine Folge des "Terrors der Geschlechterrollen" sei, obwohl Transsexualität ganz unabhängig der jeweiligen Geschlechterrollen in den unterschiedlichsten Kulturen und zu unterschiedlichsten Zeiten existiert hat und alleine dies ein Anzeichen dafür wäre, dass Transsexualität von Geschlechterrollen unabhängig existiert.

Dass Schwarzer einen der Psychoanalytiker zitiert, der offenbar genauso wie sie seine Schwierigkeiten damit hat, sich vorstellen zu können, dass Transsexualität keine psychischen, sondern biologische Ursachen hat, verwundert nicht:

"Der deutsche Sexualwissenschaftler und Psychiater Prof. Friedemann Pfäfflin war über Jahrzehnte einer der international führenden Trans-Experten. [...] Pfäfflin besorgt: 'Heute erklären schon Achtjährige, nach Blick in ihr Smartphone, sie seien ›transsexuell‹.' Transsexualität aber sei 'ein schwerer seelischer Konflikt', warnt der Arzt und Sexualforscher, und müsse entsprechend ernst genommen und behandelt werden."

Das Buch von Schwarzer und Louis, in welchem sogar Kinder, die bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeteilt werden, als "geborene Frauen" bezeichnet werden, obwohl sie ja den Satz von Simone de Beavouir - die ja angeblich mit ihr befreundet gewesen ist - kennen sollte, dass man nicht als Frau geboren werde, sondern zur Frau gemacht werde, zeigt wie widersprüchlich Schwarzer und Louis argumentieren. Sie führen an, Vertreterinnen des Feminismus zu sein, nutzen aber zugleich Thesen, welche Transsexualität für in der Biologie nicht vorkommend ansehen und Menschen, welche das Verlangen von Menschen nach einem stimmigen Körper als Folge von Geschlechtsidentitätswünschen betrachten und damit alle emanzipierten transsexuellen Menschen ausklammern.

Auch in diesem Fall lässt sich wieder einmal sagen: Transsexuelle Menschen sind eine tolle Projektionsfläche. Dass Alice Schwarzer und Chantal Louis die medizinisch-psychiatrische Sicht auf das Thema, die mit dem Wort "Trans*" in den letzten Jahren tatsächlich eine Stärkung erfahren hat, nicht verlassen können bzw. wollen, reiht das Buch ein in all die Veröffentlichungen, in denen über Transsexualität nur aus Gender-Identitäts-Sicht geschrieben wird. Dass es auf der einen Seite Veröffentlichungen gibt, in welchen die Vielfalt der Gender-Identitäten abgefeiert wird und sich Schwarzer und Louis auf die andere Seite stellen, lässt Menschen, die sich bereits von dieser Sicht gelöst haben - vorallem auch die Menschen mit Transsexualität, die ihr Thema nicht als Genderidentitäts-Thema ansehen, sondern als Körperthema - verwundert darüber zurück, warum wir in Deutschland immer noch nicht weiter sind.

Gender-Identitätskategorien schaden dem Sport

"Die Frau Lia Thomas ist biologisch männlich. Sollten in ferner Zukunft einmal Wissenschaftlerinnen ihr Skelett finden und das biologische Geschlecht bestimmen, wird es männlich sein." heisst es auf einem Webblog, der von jemandem betrieben wird, der - wie häufig in letzter Zeit - die Ansicht vertritt, dass Frauen mit vermännlichten Körpern nicht in der Frauenkategorie im Sport teilnehmen sollten, da sie "biologisch männlich" seien.

So einfach ist das nicht. Wir haben dazu bereits mit Menschen gesprochen, die solche Ausgrabungen machen. Da wurde das klar verneint. Was manche nicht verstehen wollen (warum auch immer) ist, dass die geschlechtliche Ausprägung von Menschen individuell unterschiedlich ist. Viele Sportlerinnen haben einen Körperbau, der gewisse Vermännlichungen aufweist. Das liegt daran, dass nicht alle Kinder dieselbe hormonelle Entwicklung durchmachen.

Dass - und das ist das eigentliche Problem - die biologische Variationsvielfalt nicht auf die Gestaltung der Realität z.B. bei Sportregeln Auswirkungen hat, sondern dort in "Männer" und "Frauen" eingeteilt wird, liegt eher daran, dass die Menschen an vielen Stellen eben genau nicht die Biologie als Kriterium heranziehen, sondern eine Idealvorstellung, die nicht der biologischen Realität entspricht.

Würden biologische Realitäten abgebildet, gäbe es gemischte Gewichtsklassen und keine Kategorien wie "Männer" und "Frauen" im Sport. Dann hätten auch Frauen mit weiblicherem Körperbau eine Chance im Sport zu gewinnen, u.a. auch gegen Männer.

Es ist schon einigermassen erstaunlich, dass bei Diskussionen gerne der anti-emanzipative Ansatz gewählt wird, obwohl er doch allen Menschen - vorallem auch Frauen - schadet. Auch hier zeigt sich: Gender-Identitätskategorisierungen sollten überwunden werden.